Balance als Spiel

Wenn ich im Urlaub unterwegs bin, gerne mal im Tessin oder in Frankreich, dann kann ich es nicht lassen und ich beginne, Steine aufeinander zu legen. Mich fasziniert dieses Geduldsspiel, den oberen Stein immer weiter zu verschieben bis er mit den unteren Steinen die optimale Balance erhält. Genau diesen Punkt herauszufinden, dieses gute Gefühl, wenn es schließlich gelingt, das mag ich so daran.

Ich erinnere mich auch an die Momente in meiner Kindheit auf dem Spielplatz. An das Balancieren auf diesen langen Wippen und die Freude daran, genau den Punkzt zu finden, an dem die Wippe kippt. Und dann zu versuchen, diese Wippe in Balance zu halten. Herrliches Gefühl, wenn es gelingt, oder?


Was ist Balance?

Google ich "Balance", so bekomme ich verschieden Definitionen zur Auswahl:

  1. Zustand eines Körpers, in dem die entgegengesetzt wirkenden Kräfte einander aufheben
  2. Ausgeglichenheit, Ausgewogenheit, Stabilität
  3. Innere, seelische Ausgeglichenheit

Balance kann viele Bereiche betreffen. 

Und Balance ist empfindlich. Oft mischen sich so viele unterschiedliche Parameter ein, die wir noch nicht einmal auseinanderhalten können. Wir neigen dazu, den Zustand der Ausgewogenheit zudem festhalten und einfrieren zu wollen, doch so funktioniert es nicht. Balance ist wie ein Spiel, sie geschieht ganz im Moment. Es geht darum, das gute Gefühl zu genießen, wenn wir sie haben und sie dann lassen wieder los zu lassen und eine neue Balance zu suchen. Immer und immer wieder. 

Ich widme mich in diesem Artikel der Balance in der Kommunikation. Es gibt so unterschiedliche Bereiche in der Kommunikation, in der ich auf eine Balance achten kann. Ich stelle dir hier nur einige vor.

Falls du diesbezüglich einen Blick auf deine Gespräche nehmen willst, habe ich einen ersten Tipp für dich: Mach langsam und nímm pro Gespräch immer nur einen dieser Bereiche in den Blick und nimm wahr, was passiert. Erst im zweiten Schritt versuche, etwas zu ändern. Und: Sei milde mit dir! 🙂

Was dir in JEDEM Fall bei all den Bereichen hilft, die Balance zu wahren oder wieder herzustellen, das verrate ich dir auch. Doch eins nach dem anderen...

Drei Freunde oder Kolleg*innen im Gespräch.

Balance in der Kommunikation

Betrachten wir die Balance in der Kommunikation, w:erden uns verschieden Bereiche bewusst, bei denen Balance ein Thema ist:

Ich, Du und wir

Auf der einen Seite gilt es, dass wir uns selbst mit unseren Stärken und Schwächen ernst nehmen. Dass wir uns abgrenzen und gut für uns sorgen. Andererseits ist es genauso wichtig, auf das Du, das Gegenüber, einzugehen und sich in das Wir zu integrieren. 

Ich-Bezogenheit bedeutet, sich ernst zu nehmen, sich zu akzeptieren und zu mögen. Integrationsfähigkeit verlangt, dass ich auf das Du eingehen kann, und dass ich bereit bin, mich in das Wir zu integrieren, dass ich mich für das Gemeinwohl einsetze und sogar zugunsten Anderer auf eigene Interessen verzichten kann. 

Betrachte ich dies als "Entweder-Oder" lande ich in einem ewigen Kampf und Dilemma. Es geht vielmehr darum, beide Anliegen unter einen Hut zu bringen. Immer wieder eine gute Balance zu finden, beides gleichzeitig im Blick zu haben.

Dabei will ich mir hier das Bild der Wippe nochmals vor Augen führen. Hab ich mich damals schwer gemacht auf meiner Seite, mich fest verankert und auf das ICH beharrt, verlor das Gegenüber schnell den Spass daran, mit mir zu wippen und ist abgezogen. Zurück blieb ich auf einem langen Stück Holz oder Metall ohne Spaß. Ließ mich das Gegenüber im Gegenzug auf Dauer in der Luft hängen, fühlte ich mich sehr einsam und ausgesetzt da oben und ich habe möglichst schnell das Weite gesucht. Beide Zustände waren für die Beteiligten nur sehr kurze Zustände von Spiel, Spaß und Freude. 

Mehrere Wippen auf einem Spielplatz, ohne Kinder, eine Seite steht immer hoch.

Distanz und Nähe

Abstand und Nähe spielen nicht nur beim räumlichen Distanzverhalten eine Rolle, auch hier gilt es, auf die richtige Balance zu achten. In welchem räumlichen Abstand zum Gegenüber fühle ich mich wohl? Und gleichzeitig nach Zeichen zu suchen, wie es dem Gegenüber geht und gegebenenfalls nachzujustieren.

Beispielsweise treten große, breite Männer im Gespräch häufig zu nahe an kleinere Menschen heran. Diese Menschen müssen dann sehr "aufschauen", sie haben diese breite, feste Brust direkt vor Augen. Da ist es sehr hilfreich, einen größeren Abstand anzubieten, als ich ihn mit einem gleich großen Gegenüber suchen würde. Schon verkleinert sich der Winkel, das Gegenüber kann sich entspannen und das Gespräch findet mehr "auf Augenhöhe" statt.

An dieser Stelle geht es mir jedoch um Nähe hinsichtlich der Thematik oder des Inhalts. Wir sollten uns beispielsweise im Gespräch bewusst von einer provokanten Aussage lösen und distanzieren können. Wenn Emotionen hochkommen, ist es sehr schwer, genügend Abstand zu wahren. Diese Erfahrung haben wir sicherlich alle schon gemacht. Je mehr wir uns dabei mit dem Gegenüber verbunden fühlen, desto schwieriger wird es.  (Deswegen immer mein Rat in meinen Seminaren: "Übe nicht mit deine(r)m Lebenspartner/in. Übe an der Käsetheke!") 

Das ist ein ganz feines sensibles Spiel zwischen Nähe und Distanz, Zwischen "Ich lasse mich auf etwas ein, ich bringe mich ein, bin ganz nah" und dem bewussten Abstandnehmen, sobald ich bemerke, dass nicht mehr ich Herr oder Frau der Lage bin, sondern meine Emotionen übernehmen möchten.

Auch in Interviews oder Schlagfertigkeitsübungen geht es immer wieder um die Frage: Soll ich gleich antworten, oder soll ich warten, überlegen, abwägen und diese Pause nutzen, um Distanz zu gewinnen?

Grundsätzlich gilt: Nur wer überlegt, bleibt letzlich überlegen. Nicht nur zum Gegenüber, sondern auch und vor allem meinen eigenen Emotionen gegenüber. 

So ist auch hier die Herausforderung, die Nuancen der Situation anzupassen. 

Kürze und Ausführlichkeit

Ich denke, jeder von uns kennt "Langredner" und weiß aus Erfahrung, wie nervig das sein kann. Nicht nur, weil diese Langredner uns unsere Zeit stehlen, sondern auch, weil sie oft nicht nur lange reden sondern vor allem auch langweilig.

Niemand wird dagegen wütend, wenn sich ein Redner kurz fasst und schnell auf den Punkt kommt. Kürze wird stets geschätzt. 

Es gilt, den Zeitaspekt ernst zu nehmen. Abraham Lincoln, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten, legte 1863 nach dem Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten die Grundsätze seiner auf das Ende der Sklaverei und die Einheit der Nation zielende Politik dar. Er tat dies in lediglich 269 Wörtern und in weniger als drei Minuten in der berühmten Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg. Das nenne ich mal "auf den Punkt kommen". 🙂

Auf der anderen Seite wird manchmal auch das genaue Gegenteil von Kürze gewünscht, wir schätzen das stimulierende Element. Wir wollen unterhalten werden, wir schätzen eine persönliche Note, konkrete Geschichten, ausführliche Details, spannende Erzählungen,

Zusätzliche Gedanken sind manchmal notwendig um zu zeigen, wie wir etwas genau meinen.

Hier gilt stets zu beachten: Ausführlichkeit bedeutet nie Weitschweifigkeit!

Wir sollten uns davor hüten, zu weit auszuholen, zu ausschweifend zu erzählen, zu viele Nebensächlichkeite aufzulisten, abzuschweifen, zu viele Schleifen zu drehen, Worte und Begriffe breit zu treten, zu blumig zu sprechen, ohne dass diese Bumen unsere Aussage unterstützen.. 

Diese Balance zu wahren, zwischen kurz und kanckig auf den Punkt zu kommen und den Elementen des Storytellings hin und her zu wechseln, diese ganze Klaviatur zu nutzen, die uns zur Verfügung steht, das ist eine große Kunst. Ich lerne in diesem Bereich viel, indem ich anderen gut zuhöre und gleichzeitig mich beobachte. Wo und wann "springe ich an, packt mich eine Erzählung" und wann schalte ich ab und warum tue ich das in genau diesem Moment. 

Auch hier gilt vor allem, immer wieder das Gegenüber im Blick zu halten. Die Anzeichen sind zu lesen, wenn wir sie lesen wollen!

Es kommt natürlich auch auf die äußeren Umstände an. Sitzt hier jemand vor mir, der zu einem Vortrag zu mir kam und habe ich deswegen mehr Zeit für Storytelling, weil dieses Gegenüber auch gut unterhalten werden möchte, oder sitze ich mit 5 anderen in einem auf eine Stunde anberaumten Meeting und es stehen meherer Punkte auf der Agenda die wir klären möchten. 

Es gibt auch hier keine Allgemeinregel. Wie gesagt, oft sind zu viele Parameter für eine Verallgemeinerung beteiligt Es braucht in jedem Moment unsere Aufmerksamkeit und Wachheit. Doch diese sind zum Glück trainierbar. 

Auf dem Bild sind ein Paar Füße in braunen Wildlederboots, die auf einer Eisenbahnschiene balancieren.

Was hilft dir nun, die Balance zu wahren?

Es ist und bleibt eine Herausforderung. Immer wieder.

Natürlich kann ich meine Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zum Beispiel durch Meditation schulen. Ich bewundere Menschen, die regelmäßig meditieren, ganz so regelmäßig bekomme ich es selber leider nicht hin.

Was es mir leichter macht ist, dass ich das quasi "nebenher" übe und trainiere, da, wo ich in diesem Moment eben stehe oder sitze und da bin. Ich mache das, indem ich mir meinen Atem, meine Haltung und meine Stimme bewusst mache. Ich bemühe mich, dass diese drei immer einen kleinen Teil meiner Aufmerksamkeit bekommen. 

Und das ist der erste Tipp. den ich dir an dieser Stelle gebe:

Lerne, deinen Atem, deine Haltung und deine Stimme zu beobachten. Sie sind dein Anker, dein Leuchtturm und deine Alarmanlage gleichzeitig. Fließt dein Atem ruhig und atmest du tief ist alles in Ordnung. Bist du aufgerichtet, sind deine Schultern entspannt und du spürst den Boden unter den Füßen ist auch das ein gutes Zeichen. Klingt deine Stimme entspannt und voll, bist du auf der sicheren Seite.

Doch geht dein Atem flacher, schneller, gehetzter, kürzer, verändert er sich in irgendeiner Form, sei wachsam und schau, warum er sich verändert. Beobachte, ob du dich unbewusst "schützt" indem du die Schultern hoch ziehst. Und lausche dem Klang deiner Stimme: Schraubt sie sich unangenehm in die Höhe, klingt sie schrill oder hart, ist auch das ein Anzeichen dafür, dass irgendwas "im Busch" ist. 

Was dir in Situationen, in denen du aus der Balance gerätst, vor allem hilft (und wenn du mich kennst: In ganz vielen anderen Situationen auch) ist der ATEM.

Gerätst du in Not, egal in welche, Nervosität, Ärger, Angst, oder sprichst du zu schnell, verlierst den roten Faden und bist nicht im Hier und Jetzt, hast dich oder dein Gegenüber aus dem Blick verlorens: ATME! 

Du denkst jetzt vielleicht, "Na, die ist ja lustig, atmen tu ich doch in jedem Fall!" Das stimmt so weit. Atmen tust du, doch es geht unter andrem darum, inwieweit dein Zwerchfell bei der Atmung beteiligt ist. Halten wir das Zwerchfell fest, ist nur schwaches, kurzes, oberflächliches Atmen möglich und meistens verspannen wir zugleich, zum Beispiel in der Schultergegend.

Was unheimlich schnell bei all dem hilft: Hole tief Luft und dann atme alles aus. Achte darauf, komplett austzuatmen. Das kannst du im besten Falle auf ein ffff laut machen, wenn du alleine  oder im Online-Meeting auf stumm geschaltet bist. Oder du machst es unbemerkt und geräuschlos, langsam durch die Nase. Atem ausführlich aus. Und sofort spürst du wieder mehr Boden unter den Füßen und erfährst Distanz!

Probiere es gleich hier und jetzt:

Richte dich auf. Hole tief Luft. Atme auf ffff ausführlich aus. Du wirst dich wahrscheinlich wundern, wie lange du ausatmen kannst, bevor wirklich auch die letzte Luft aus den Lungen draußen ist (doch Vorsicht, es sollte sich natürlich zu jeder Zeit angenehmen anfühlen!). Und dann lass die Luft wieder einfallen. Spürst du, dass du die Schultern runter genommen hast? Dass du ein bisschen mehr zur Ruhe gekommen bist? Wieder Boden unter den Füßen spürst?

Wenn du das noch nicht fühlst, wiederhole diese Übung 2-3 Mal. 

Dieser einfache Trick wird dir helfen, deine Balance zu bewahren oder wieder zu erlangen. Egal, wo du bist.

In diesem Sinne und wie sage ich immer mit einem Augenzwinkern:

"Atme tief und ohne Furcht!"

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Hab einen schönen Tag in guter Balance,

wir sehen uns in den Socials,

Wibke.


P.S. An dieser Stelle erinnere ich dich gerne nochmals an meine Instagram-Challenge #präsentierdichchallenge2020, die am 27. Juli startet. Gerade das Präsentieren in deinem Business ist ein so geniales Spielfeld, um dich auszuprobieren, zu trainieren und dich in Balancen zu üben....

Zum Blogartikel über die Challenge gelangst du hier:

P.P.S.: Mein Blog ist neu. Du hilfst mir sehr mit einem Kommentar. hat dir der Artikel gefallen? Wünscht du dir mehr solcher Artikel? Was könnte ich verbessern? Welche Themen interessieren dich noch? Findest du die Übung gut beschrieben und hilfreich? Vielen Dank für deine Mithilfe!