
Selbstbewusst auftreten: Warum du dafür auch andere Menschen brauchst
Ich saß kürzlich vor meinem Bildschirm und besprach mit einem langjährigen Geschäftspartner die Seminarplanung für das kommende Jahr. Als der Satz fiel, dass künftig noch stärker auf Selbstlernplattformen gesetzt werden soll, musste ich erst einmal schlucken. Denn mehr und mehr Firmen setzen auf Selbstlernkurse.
Ich kann die Gründe nachvollziehen. Selbstlernplattformen sind flexibel, Inhalte lassen sich im eigenen Tempo bearbeiten und Lektionen bei Bedarf wiederholen. Unternehmen können Lernfortschritte leichter überprüfen und behalten den Überblick darüber, welche Inhalte bereits bearbeitet wurden. Für viele Themen ist das sinnvoll.
Im Gespräch kamen wir dann auf die Frage, wo Selbstlernen an seine Grenzen stößt. Meines Erachtens reicht Wissen allein gerade bei selbstbewusstem Auftreten, Wirkung und Kommunikation nicht aus. Du kannst dir Techniken anschauen, Zusammenhänge verstehen und das Gelernte in einem Test richtig wiedergeben. Um zu erfahren, wie du tatsächlich auf andere wirkst, brauchst du ein Gegenüber.
Wirkung entsteht zwischen Menschen
Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung können erstaunlich weit auseinanderliegen. Vielleicht fühlst du dich während einer Präsentation unsicher und wirkst trotzdem klar. Vielleicht glaubst du, freundlich und zugewandt zu schauen, doch bei deinem Gegenüber kommt kaum Kontakt an.
Deshalb ist Feedback so wertvoll. Eine andere Person kann dir sagen, wann sie sich angesprochen gefühlt hat, wann ihre Aufmerksamkeit nachließ und an welcher Stelle deine Botschaft besonders gut ankam. So bekommst du neben deinem eigenen Gefühl eine zweite Perspektive auf deine Wirkung.
Du lernst auch durch Beobachtung
Wir lernen nicht nur durchs eigene Ausprobieren und das anschließende Feedback. Wir lernen auch, indem wir andere bewusst beobachten.
Vielleicht hörst du jemandem in einer Online-Präsentation zu und merkst: Ich fühle mich gerade nicht angesprochen. Beim genaueren Hinsehen stellst du fest, dass die Person fast ausschließlich auf den Bildschirm blickt. Du siehst vor allem ihre Stirn, aber kaum ihre Augen.
Plötzlich verstehst du, warum dir der Kontakt fehlt. Diese Erfahrung bleibt oft stärker hängen als die bloße Regel, regelmäßig in die Kamera zu schauen. Beim nächsten eigenen Auftritt kannst du genau diese Erkenntnis nutzen.
Dasselbe gilt für Stimme, Sprache, Haltung und Aufbau. Vielleicht kannst du einer Person kaum folgen, weil sie sehr schnell spricht und keine Pausen macht. Vielleicht fühlst du dich sofort angesprochen, weil sie klar formuliert, lebendig erzählt und den Kontakt zu ihrem Publikum hält.
Schärfe deine Wahrnehmung
Du kannst das Beobachten überall trainieren: bei einem Video, in einem Online-Meeting, während einer Präsentation oder wenn du jemanden auf einer Bühne erlebst.
Frag dich beim Zuhören diese drei Fragen:
- Wie wirkt mein Gegenüber auf mich?
- Wie fühle ich mich beim Zuhören? Kann ich konzentriert folgen und nehme ich das Gesagte wirklich auf?
- Woran könnte diese Wirkung liegen?
Vielleicht spricht jemand sehr schnell und macht kaum Pausen. Vielleicht fehlt eine klare Struktur. Vielleicht entsteht sofort Verbindung, weil die Stimme lebendig, die Sprache konkret und der Blick zugewandt ist.
Es geht nicht darum, andere zu bewerten. Du schärfst deine Wahrnehmung und erkennst immer genauer, wodurch Wirkung entsteht. Dadurch achtest du beim nächsten eigenen Auftritt viel bewusster auf bestimmte Dinge. Du kannst sie bewusst tun oder weglassen.
Selbstbewusst auftreten lernst du nicht nur durchs eigene Tun, sondern auch durch aufmerksames Beobachten.

Fortschritt und Gemeinschaft
Ein Seminar bietet noch etwas, das eine Selbstlernplattform nur schwer ersetzen kann: Es entsteht Gemeinschaft. Menschen kommen miteinander ins Gespräch, teilen Erfahrungen und merken, dass sie mit ihren Fragen und Unsicherheiten nicht allein sind.
Ich weiß, dass Entwicklung wichtig ist für ein Unternehmen, doch das Sein ist es auch!
Eine Beobachtung oder Frage aus der Gruppe kann einen Gedanken auslösen, auf den du allein vielleicht nicht gekommen wärst. Du lernst andere Perspektiven kennen und erlebst, wie unterschiedlich Menschen an dieselbe Aufgabe herangehen. Du erfährst, dass es okay und normal ist, wenn du nicht gleich alles perfekt umsetzen kannst.
Die Teilnehmer*innen lachen zusammen, tauschen sich aus und machen sich gegenseitig Mut. Sie üben, Feedback so auszudrücken, dass ihr Gegenüber es verstehen und annehmen kann.
Ich liebe es jedes Mal, in meinen Seminaren zu spüren, wie aus einzelnen Menschen auf einmal eine Gemeinschaft wird.
Für mich gehört deshalb beides zusammen: Wissen im eigenen Tempo und gemeinsames Lernen mit Übung, Feedback, Beobachtung und Resonanz.
Vielleicht suchst du dir in dieser Woche bewusst eine Situation, in der du jemandem zuhörst, und fragst dich: Was kommt wie bei mir an, und woran könnte das liegen?
P.S.: Interessierst du dich für meine Seminare? Einen Überblick findest du hier.
