Warum Storytelling nicht immer das Mittel der Wahl ist

Von Wibke  - Juli 17, 2026

Viel geredet, wenig erreicht. Warum Storytelling nicht immer das Mittel der Wahl ist und 5 Impulse für das öffentliche Reden

Manchmal sitzt du in einem Raum und merkst schon nach wenigen Minuten: Hier spricht gerade jemand, nur um des Sprechens willen.

So ging es mir beim Gedenkkonzert zur Flutkatastrophe im Ahrtal. Vorne saßen Orchester und Solist*innen, der Chor stand bereit, der Dirigent wartete. Im Raum saßen Menschen, die vor fünf Jahren sehr viel erlebt, verloren, getragen, ausgehalten und wieder aufgebaut haben.

Bevor die Musik begann, wurden einige Reden gehalten. Eine davon hat mich wirklich sprachlos und auch wütend gemacht.

Wenn Worte keine Verbindung schaffen

Zuerst einmal: der Redner stellte sich nicht vor. Ich erfuhr hinterher, dass er stellvertretend für einen Landrat sprach. Vielleicht kannten ihn viele im Raum. Ich nicht. Wenn du dich nicht vorstellst, entsteht Unsicherheit. Wer spricht da gerade? Aus welcher Rolle heraus? Und es wirkt so arrogant, wenn jemand so selbstverständlich davon ausgeht, dass alle wissen, wer er ist. Ein Satz hätte gereicht. Ein Satz.

Dann las er ab. Was in Ordnung ist. Wirklich. Doch wenn in der einen Hand die Blätter rascheln, in der anderen das Mikro ist, beim Umblättern weitergesprochen wird und immer wieder nur halbe Sätze im Raum ankommen, dann würde selbst der wichtigste Inhalt seine Kraft verlieren.

Und es wurde lang. Sehr viele Worte, die wenig gesagt haben. Schnell saß für mich dieser alte Glaubenssatz mit im Raum: "Wer am meisten spricht, ist am wichtigsten!"

Bitte nicht. Vor allem nicht in so einem Kontext. Wir waren für das Konzert gekommen, für das Gedenken, für die Musik und den gemeinsamen Raum. Nicht, um jemandem beim Sich-wichtig-Reden zuzuhören. Schmeißt diesen Glaubenssatz in die Tonne!

Am schwierigsten war für mich allerdings etwas anderes: Er nutzte Storytelling. Richtig gutes Storytelling. Er beschrieb Bilder, Szenen und Details. Eigentlich super. Nur saßen vor ihm keine neutralen Seminarteilnehmer:innen. Vor ihm saßen Menschen, für die diese Bilder keine Bilder waren, sondern Erinnerung. Schmerz. Höchstwahrscheinlich sogar Trauma. Was glaubst du, was passiert, wenn man vor traumatisierten Menschen in diesen Details von der sie traumatisierten Situation spricht? Wie unsensibel kann man sein, bei diesen Menschen all die Bilder wieder aufleben zu lassen?

Hier reicht erlernte Erzähltechnik nicht. Es braucht Verantwortung.

Worte können Räume öffnen. Sie können verbinden, würdigen, trösten und Halt geben. Sie können aber auch überfordern, etwas aufreißen und Menschen innerlich allein damit lassen.

Genau deshalb lohnt sich vor jeder Rede, jedem Vortrag, jeder Eröffnungsrede eine einfache Frage:

Zu wem spreche ich da gerade?

5 Impulse für das öffentliche Reden

Fünf Dinge helfen bei öffentlichen Reden:

  1. Setz dir vorher eine klare Intention. Willst du informieren, würdigen, bewegen, trösten, beruhigen oder verbinden? Deine Intention führt deine Worte.
  2. Wenn auch nur eine Person im Raum ist, die wahrscheinlich nicht weiß, wer du bist: Stell dich kurz vor. Wer bist du, und aus welcher Rolle sprichst du? Orientierung ist kein Extra, sondern die Grundlage für Verbindung.
  3. Sieh dein Gegenüber. Sprich eine Sprache, die verstanden wird. Schau hin. Nimm Kontakt auf. Schenk Pausen, damit deine Worte ankommen können. Das ist Respekt.
  4. Tritt den Glaubenssatz „Wer am meisten spricht, ist am wichtigsten“ endgültig in die Tonne. Wirkung entsteht nicht durch Länge. Wirkung entsteht durch Relevanz.
  5. Nutze Storytelling verantwortungsvoll. Geschichten öffnen Bilder im Kopf. Genau deshalb brauchen sie Fingerspitzengefühl und Verantwortung.

Gute Kommunikation beginnt nicht damit, dass ich etwas loswerden will. Sie beginnt damit, dass ich mein Gegenüber sehe und erreichen will.

Vielleicht nimmst du diese Frage mit in deinen Tag: 

Zu wem spreche ich da gerade?

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Wibke

Ich bin Wibke, Trainerin für Auftritt, Wirkung & Kommunikation.
Als ehemalige Opernsängerin und TV-Gastmoderatorin weiß ich, wie man Präsenz aufbaut, ob live, online oder in Videos. Heute unterstütze ich Menschen dabei, in ihrem Business echt, souverän und professionell aufzutreten, mit Freude, Klarheit und Haltung.

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